Was KI nicht kann

Was KI nicht kann

John Horvat II

Lange Zeit habe ich damit gerungen, wie ich mit KI umgehen soll. Es gibt einige sehr berechtigte Einwände, die über dieses neue Medium kursieren, besonders wenn es um Minderjährige geht. Doch irgendwie schien diese Diskussion nie zum Kern der Sache vorzudringen. Wie die KI selbst fehlt es ihr an Tiefe.

Ich weiß, dass KI für Minderjährige problematisch sein kann, aber sie kann auch für Erwachsene verheerend sein. In diesen Algorithmus gesteuerten Anwendungen steckt etwas Tiefes und Geheimnisvolles, das niemand vollständig versteht. Für diese Art des Ergründens ist KI nutzlos.

Wir brauchen etwas Persönliches und Menschliches, um die Aggression zu verstehen, die wir angesichts dieser sich rasant entwickelnden Innovation empfinden, die in jeden Bereich unseres Lebens eindringt.

Die Notwendigkeit des Nachdenkens 

Also hielt ich inne, trennte mich von allem und dachte über diese KI-Revolution nach. Ich wollte das tun, was KI nicht kann: denken und nachsinnen.

Ich musste mich von der Flut an Kommentaren und Hype lösen. Vor allem wollte ich vermeiden, die KI über KI zu befragen. Es brauchte etwas Zeit, mich davon zu lösen, doch allmählich entstanden einige Gedanken, die mir halfen, eine Antwort zu formulieren, deren Ausarbeitung wohl mehrere Artikel erfordern wird. Ich nutzte auch Notizen aus Treffen des brasilianischen Denkers Plinio Corrêa de Oliveira zu diesem Thema, als es sich in den achtziger Jahren noch in einem frühen Stadium befand.

Dieses stille Nachdenken setzte Überlegungen in Gang, die – so hoffe ich – zur Debatte über die Wiedergewinnung unserer Menschlichkeit beitragen können.

Die Ausübung unserer höchsten Fähigkeiten 

Tatsächlich glaube ich, dass der Umgang mit KI bedeutet, unsere Menschlichkeit zurückzugewinnen. Wir müssen neu darüber nachdenken, wie wir mit unserer Technologie umgehen, besonders da sie beginnt, immer mehr Bereiche unserer Zeit und Kultur zu beherrschen.

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich kein Problem damit habe, wenn Maschinen mühsame und eintönige Arbeit übernehmen. Technologie hat bei solchen Aufgaben schon immer geholfen. Man sagt mir, dass KI einige dieser Aufgaben übernehmen kann.

Ich denke jedoch, dass die Probleme der KI tiefer gehen, als nur sich wiederholende Arbeiten zu erledigen. KI dringt in Bereiche ein, die ihr nicht zustehen.

Wir sind zusammengesetzte Wesen aus Körper und Seele. Das wichtigste Element ist die Seele. Die höchsten Fähigkeiten der Seele entfalten wir durch Vernunft, Nachdenken und Urteilsvermögen.

Die Ausübung dieser Fähigkeiten sollte wiederum den Willen darauf ausrichten und ihn dazu führen, das Gute, Moralische und Schöne zu tun. Am menschlichsten sind wir, wenn wir diese höchsten Fähigkeiten von Verstand und Willen einsetzen, die oft Zeit brauchen, um sich zu entfalten. Wir erniedrigen und verkommen in unserer Menschlichkeit, wenn wir uns unserer ungezügelten Vorstellungskraft, unseren Empfindungen und Leidenschaften hingeben.

Ich vertrete die Auffassung, dass KI dazu neigt, die spekulativen, reflektierenden und kontemplativen Tätigkeiten zu verdrängen, die unser Menschsein ausmachen. Sie begünstigt in hohem Maße das Unmittelbare, das Oberflächliche und die Auslebung von Fantasie.

Rasende Maßlosigkeit 

Dieser Angriff auf das Denken ist nichts Neues. Die Geschwindigkeit unserer Industriegesellschaft hat seit Langem ein brutales Lebenstempo aufgezwungen. Sie hat eine Abneigung gegen Reflexion hervorgebracht, eine Oberflächlichkeit des Denkens und eine Erosion all dessen, was am menschlichsten ist.

Diese Faktoren haben das begünstigt, was man als „rasende Maßlosigkeit“ bezeichnen könnte – sie haben Menschen hervorgebracht, die nach sofortiger Befriedigung verlangen: egal was, egal wann, egal wo, ohne Rücksicht auf die Folgen.

Ich denke, KI nimmt diese Prozesse, die durch die Industrie- und Onlinewelt bereits in Gang gesetzt wurden, und intensiviert sie. Sie beschleunigt sie und treibt sie ins Extreme. Mit KI sind wir gezwungen, immer schneller und immer atemloser zu laufen, um mit der Flut an Daten und Interaktionen Schritt zu halten, die sie uns auferlegt. KI spuckt schlampige Daten aus, fade Dialoge und endlose künstliche Kommentare, die unsere Bequemlichkeit nicht zu korrigieren versucht und die unser Geist nicht mehr vollständig zu verarbeiten sucht.

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass dies eine Gewalt gegen unsere Menschlichkeit darstellt. Die KI-Revolution beschleunigt das Lebenstempo bis zu dem Punkt, an dem sie dazu neigt, die organischen Denkprozesse zu zerstören, die uns ein ruhiges, reflektiertes Leben ermöglichen. Sie nimmt uns die Möglichkeiten zu denken und nachzusinnen und ersetzt sie durch Ablenkungen auf Knopfdruck.

Was KI nicht kann 

Manche mögen für sich Nutzungen der KI finden, die sie als sinnvoll betrachten. Meine Betrachtung handelt nicht davon, was KI kann. Ich möchte mich nicht auf diese Nutzendebatte einlassen, denn ein großer Teil der populären KI-Welt besteht aus Hunderten, ja Tausenden verschwendeter Stunden für Nebensächlichkeiten, die das Leben vieler Menschen ausmachen – sofortige Antworten, alberne Videos und virtuelle Beziehungen. Was KI kann, ist, so vieles von dem zu überdecken, was im Leben wichtig ist.

Daher beschäftige ich mich vor allem damit, was KI nicht kann. Gott hat uns zum Nachdenken, Staunen, Meditieren und Analysieren geschaffen, damit wir Ihn besser erkennen, lieben und ihm dienen können. Von KI können wir nicht erwarten, dass sie jene höheren Fähigkeiten der Seele anregt, die uns dazu bewegen, unser letztes Ziel in Gott zu suchen. Diese Aufgaben bleiben unerfüllt.

Daher können wir nicht erwarten, dass Kultur gedeiht. Josef Pieper schreibt, dass die Muße des Denkens, Nachsinnens und gemeinsamen Feierns dessen, was Gott uns geschenkt hat, die Grundlage der Kultur ist. „Wenn wir nicht die Kunst des Schweigens und der Einsicht wiedergewinnen“, schreibt Pieper, „die Fähigkeit zur Nichttätigkeit, wenn wir nicht wahre Muße an die Stelle unserer hektischen Zerstreuungen setzen, werden wir unsere Kultur und uns selbst zerstören.“

Diese Zeit der Stille und Kontemplation fördert die Fähigkeit, die Wirklichkeit der Welt und vor allem die erhabenen Dinge der Schöpfung wahrzunehmen. Tatsächlich entsteht Religion aus dieser Muße. Pieper kommt zu dem Schluss, dass „die größte Bedrohung unserer Fähigkeit zur Kontemplation die unablässige Herstellung geschmackloser, leerer Reize ist, die die Empfänglichkeit der Seele töten“.

In einer KI-Welt gelten solche Tätigkeiten als nutzlos. Sie passen nicht in ihre Algorithmen oder Chat-Sitzungen. Aber genau diese Dinge machen das Leben lebenswert. Ich möchte nicht in einer KI-gesteuerten Welt leben, ohne Nachdenken und Staunen.